"Lecker!" "Mhm, niam." "Reicht jetzt, sonst kannst Du moppedfahren vergessen." "Eins noch?"
Es gibt so Dinge im Leben, von denen ist schwer zu lassen. Aber bekanntlich sind sie ja meist entweder unmoralisch oder machen dick. Zu letzterem gehört sicherlich diese bekannte Pralinensorte: rundum Schokolade, innen eine in Allohol schwimmende Kirsche. Die paar Kalorien, die das kleine Ding mitbringt, werden wir beim Endurieren schon wieder los. Aber wir wollen ungern bei einer der ja immer möglichen Verkehrskontrollen auffallen und schon garnicht mit benebeltem Blick durch die Gegend fahren.
"Nee, reicht jetzt wirklich". "Sach ma, stimmt das eigentlich, daß die Kirschen da drin aus Piemont kommen? Ich denk, da gibt’s nur Berge?!" "Tja, aber wenn’s Frau Bertini doch sagt...?"
Bevor man sich auf Informationen aus dubiosen Quellen wie der Fernsehwerbung verläßt, beschließen wir, lieber selber nachsehen. "Gab’s da nicht auch was mit Enduro fahren?" "Ja, da gibt es etwas." Und damit wir bei der Suche nicht von vorne anfangen, suchen wir uns jemanden, der sich im Piemont auskennt. Bei Berni Stehlin (www.stehlin-motorradtaining.de) werden wir fündig und buchen die Tour "Enduro-Abenteuer im Piemont".
Anfang August ging es dann los. Transporter gemietet, zwei LC4 reingepackt, Campinggerödel für eine lange Woche dazu und in einem Tag nach Salbertrand gefahren. Die gut 800 und ein paar Kilometer ziehen sich und es wird dunkel. Um den letzten Rest der Strecke nicht in der Dunkelheit auf winkligen Bergstraßen zurücklegen zu müssen, benutzen wir den Fréjus-Tunnel und sparen so gut eineinhalb Stunden. Aber irgendwann müssen wir mal wieder zurück, um die blattvergoldete Tafel mit unseren Namen am Tunneleingang zu begutachten. Bei dem Preis muß das inclusive sein: rund 38 Euro für die einmalige Durchfahrt.
Am nächsten Tag kommen dann auch die anderen Teilnehmer und die Instruktoren (derer 4!) an. Mit vereinten Kräften wird das Gemeinschaftszelt für die Mahlzeiten und das abendliche Zusammenhocken aufgebaut. Nachdem alle ihr Zelt aufgebaut haben, lernen wir nach und nach die anderen Teilnehmer kennen. Einige sind nicht zum ersten Mal dabei und sind routinierte Enduristen, andere fahren eher gelegentlich und sind das erste Mal im Hochgebirge. Die vier anwesenden Frauen fallen mehrheitlich eher in die erste Kategorie.
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Auffahrt zum Colle delle Finestre |
Auf der Assiettakammstraße |
Sonntag morgen, gemeinschaftliches Frühstück. Und dann geht es endlich los. Zunächst mal ein paar Kilometer auf der Hauptstraße, bis dann der Einstieg in ein Kurvenorgie erreicht ist. Die Straße ist kaum 3m breit und windet sich scheinbar endlos durch ein Waldgebiet den Hang hinauf. Doch irgendwann kommt ist die Baumgrenze und der Blick trifft einen Paß, mehrere hundert Meter höher. Der Straßenbelag besteht inzwischen aus Sand und Schotter, im dichten Staub der weiter vorne fahrenden geht es hoch auf mehr als 2100m. Wir haben die Assietta-Kammstraße erreicht und folgen ihr nach Westen. Eine schier endlose Schotterpiste zieht sich am Hang der Bergkette entlang. Ich fahre einfach nur hinterher, genieße den Tag und die Aussicht. Am Nachmittag erreichen wir den Colle delle Finistre. Von hier aus fahren wir wieder in das Tal hinab. Schöner erster Tag.
Montag ist ja sonst nicht so mein Tag. Dieser wird anders. Nachdem wir das erste einer Reihe von Forts angefahren sind, wird die Strecke recht eng und schwierig. Links geht es steil bergab, rechts bietet der Hang keinen Halt. Also besser ruhig und vorsichtig auf dem schmalen Weg weiter. Hier gibt es keinen Platz um Fehler auszugleichen, deshalb stehen die Guides neben dem Pfad und sichern. Nach dieser schweißtreibenden Einlage - selbst hier in gut 2000m Höhe liegen die Temperaturen deutlich über 20°C - gibt es eine Verschnaufpause in Bardonecchia, dem nächsten Ort.
Einige espressi und cappucini später geht es wieder bergan. Zunächst erneut auf einer schmalen, asphaltierten Straße mit irrwitzigen Kurvenserien, dann auf einer Piste. Auf fast 2000m kommen wir an einem Stausee entlang. Die Piste wird immer löchriger, der Schotter gröber. Schnell gewinnen wir mit einigen Serpentinen an Höhe und kommen in ein Hochtal, schon fast auf 2500m. Doch es geht noch weiter nach oben. Die Gruppe zieht sich auseinander, manche Fahrer verliert man aus den Augen. Einige verläßt die Kondition und die Höhe macht sich bemerkbar, da sind mehr Pausen nötig. Dann kommen noch ein paar stark ausgewaschene Abschnitte, bevor man einen Kamm erreicht.
Der Blick zurück in’s Tal ist beeindruckend. Erst jetzt kann man sehen, was für eine Strecke man da gefahren ist. Doch ganz oben sind wir noch nicht. Da ist noch ein Buckel von gut 30 Metern, da wollen wir rauf. Kurz darauf ist es geschafft: Wir sind auf dem Colle Sommeiller, in 3008m Höhe. Pause, luftholen. Viel davon gibt’s hier oben nicht, also dauert das länger. Nach der Hälfte der Abfahrt verarbeiten wir die bisherige Tour bei einer ziemlich langen Pause im Rifugio Scarfiotti oberhalb des Stausees. Sehr lecker dort: Polenta mit frischen Pilzen.
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Abfahrt vom Colle Sommeiller |
Fort Variselle |
Am Dienstag gehen wir die Nachbarn besuchen. Frankreich ist ja gleich nebenan, die Grenze immer gegenwärtig; meist durch Forts und Militäreinrichtungen vergangenen Auseinandersetzungen oder die Straßen und Pisten, die sie miteinander verbinden. Rings um den Lac de Mont Cenis befinden sich mehrere Forts, die teilweise leicht, teilweise schwer oder garnicht zu erreichen sind.
Wir halten uns den ganzen Tag in der Nähe des Sees auf, erreichen mehrere Forts und erkunden sie. Wir sind immer wieder von den Panoramen der Bergwelt beeindruckt. Aus der Ferne - und von unten - können wir die Rückseite des Colle Sommeiller sehen. " Boh, daa oben waren wir gestern...".
Nach drei abwechslungsreichen Tagen ist es Zeit für einen Ruhetag. Mache machen eine Besichtigung, andere vertreiben sich die Zeit mit Einkäufen oder ergeben sich dem dolce fa niente. Pause ist auch mal ganz schön.
Ist aber auch gut, wenn es wieder etwas Neues gibt. Donnerstag. Schon mal in einem Tunnel gewesen? Einem einspurigen, unbeleuchteten Tunnel? In einem, der einen Halbkreis beschreibt und dessen Fahrbahn aus einer Mischung von Wasser, Eis und Schotter besteht? Galleria dei Saraceni heißt der Tunnel und ist eine der Möglichkeiten, die Anfahrt zum Forte Jafferau noch interessanter zu gestalten. Dort in 2800m Höhe angekommen, wird die Stille fast greifbar, sobald die Motoren aus sind. Der Wind steht günstig, und so dringen keine Umweltgeräusche zu uns herauf. Es ist schön, einfach am Hang zu sitzen und in die Ferne zu schauen. Hier sitzen, an Weißbrot und Käse knabbern, kühles Wasser trinken und den Alltag unten im Tal vorbei ziehen lassen. Schön, an welche Plätze einen eine Enduro bringen kann.
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Unterwegs |
Lago Nero |
Zum Abschluß fahren wir am Freitag mal nach Süden. Nahe der Grenze zu Frankreich gibt es ein paar schöne Pisten und Schotterstrecken, auf denen wir es uns gut gehen lassen. Ein freundlicher Trial-Fahrer berät uns bei der Auswahl der Strecke und weist uns auf ein paar gesperrte Pisten hin. Nach der Mittagspause verläßt uns das Wetterglück und wir kommen in ein Unwetter. Nützt nix, wir sind fast am äußersten Punkt der Tagestour, also müssen wir auf schmierigen Pfaden über die Berge und dann hinab in das andere Tal. Als wir auf der anderen Seite unten ankommen, sind die Straßen trocken und es geht ein leichter lauer Wind. Richtig, um den Abend vor dem Zelt zu sitzen und sich über die vergangene Woche zu unterhalten.
Die Kirschen? Die haben wir glatt vergessen. War da nicht sowieso irgendwas mit Sommerpause? Macht nix, denke ich mir, im kommenden August (das ist ja schon in paar Wochen) fährt der Berni wieder runter. Und wenn er noch einen Platz frei hat, kann man ja noch mal nachsehen...
Text und alle Bilder: Hans Hermann Meyer
In der Zeit vom 25.05.2012 bis zum 10.06.2012 ist unser Büro nicht besetzt. In dieser Zeit können wir Ihre Anfragen nicht beantworten und Anmeldungen nicht bestätigen. Alle eingehenden Zuschriften werden nach dem 10.06.2012 umgehend beantwortet.